Pflanzenschutzmittelreduktion
„So wenig wie möglich, so viel wie nötig“
Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist zentraler Bestandteil des Zuckerrüben- und Kartoffelanbaus, denn er sichert Erträge und trägt maßgeblich dazu bei, die erforderliche Qualität der Produkte zu gewährleisten. Gleichzeitig steht der Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmaßnahmen aufgrund möglicher Auswirkungen auf Umwelt und Biodiversität zunehmend in der Kritik. Auch vor diesem Hintergrund wächst der Bedarf, den Einsatz gezielt und nachhaltig zu reduzieren. Auf der SugarBeet Expo und der Potato Europe, die am 9. und 10. September in Springe bei Hannover stattfinden, wird die Landwirtschaftskammer Niedersachsen neueste Erkenntnisse der Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie vorstellen. Dabei werden alle Bereiche des Pflanzenschutzes in den Kulturen Zuckerrübe und Kartoffel beleuchtet. Neben einem Stand werden auch im Rahmen der Expert Stages Fachbeiträge geliefert.
Aufgrund möglicher negativer Umweltauswirkungen wurde im Rahmen des „Niedersächsischen Weges“ in der 2023 publizierten Pflanzenschutzmittel-Reduktionsstrategie Niedersachsens, eine Verringerung des Einsatzes und des Risikos von Pflanzenschutzmittelanwendungen um mindestens 25 % bis zum Jahr 2030, im Vergleich zum Durchschnitt der Wirtschaftsjahre 2015/16-2020/21, als strategisches Ziel festgelegt.
Die beteiligten Akteure sind:
• das Land Niedersachsen, vertreten durch die zuständigen Ministerien,
• der NABU Landesverband Niedersachsen e. V.
• der BUND Landesverband Niedersachsen e. V.
• das Landvolk Niedersachsen – Landesbauernverband e. V.
• die Landwirtschaftskammer Niedersachsen
Neben der strategischen Forderung nach weniger chemischem Pflanzenschutz ist die Ausarbeitung von Alternativen im Rahmen des integrierten Pflanzenschutzes angesichts des Wegfalls von Wirkstoffen und der laufenden Resistenzentwicklung hochrelevant. Des Weiteren ist es wichtig, Zielkonflikte in Ökonomie und Ökologie anzusprechen und zu minimieren. Ist z.B. eine alternative Maßnahme in ihrer Wirkung nicht vergleichbar oder nicht wirtschaftlich darstellbar, aber bspw. von der ansässigen Wasserwirtschaft als notwendig erachtet, gilt es, die Akteure an einen Tisch zu bringen und entsprechende Anreizsysteme zu entwickeln, die zu einer großflächigen Umsetzung der Maßnahme führen.
Der integrierte Pflanzenschutz ist gesetzliche Grundlage und wird durch Beratungseinrichtungen und Pflanzenschutzdienst vermittelt und in der landwirtschaftlichen Praxis umgesetzt. Dennoch unterliegt er einem stetigen Wandel. Technische Fortschritte, Veränderungen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, zunehmende Resistenzentwicklungen und gesellschaftliche Anforderungen machen eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Pflanzenschutzstrategien erforderlich.
Ansätze im Zuckerrübenanbau
Zentrale Bausteine des integrierten Pflanzenschutzes in der Zuckerrübe stellen der Anbau blattgesunder Sorten und eine regelmäßige Bestandskontrolle dar. So zeigen gesunde Sorten einen verzögerten Krankheitsbeginn, einen deutlich abgeflachten Befallsverlauf und eine geringere Befallsstärke, wodurch die Häufigkeit der Fungizidanwendungen reduziert werden kann und mehr Flexibilität bei Mittelwahl und Anwendungsterminen besteht. Besonders in Regionen mit hohem Cercosporabefall lohnt sich der Anbau blattgesunder Sorten. Sowohl aus Gründen der Wirtschaftlichkeit als auch mit Blick auf das Resistenzmanagement sollte ein Anbau entsprechender Sorten in Betracht gezogen werden.
Die Zuckerrübe eignet sich als Reihenkultur auch für mechanische Verfahren zur Unkrautbekämpfung, wie beispielsweise das Hacke-Band Verfahren. Hierbei findet zwischen den Reihen die Unkrautbekämpfung mechanisch und in der Reihe chemisch mit einer Bandapplikation statt. So kann der Herbizideinsatz deutlich reduziert werden. Besonders auf drainierten Flächen bietet die Kombination mit dem Conviso®-System Vorteile, da so hinsichtlich der Aufwandmenge weniger starke Anwendungsauflagen zu beachten sind.
SpotSpraying ermöglicht eine teilflächen- oder einzelpflanzenspezifische Bekämpfung von Zielorganismen, wodurch Pflanzenschutzmittel eingespart werden und die Kulturpflanze geschont wird. Dabei unterscheidet man in zwei Verfahren: Beim Offline-Verfahren wird das Unkraut vorab mit der Drohne kartiert und anschließend anhand von Applikationskarten behandelt. Mit den Vorteilen, dass Standardtechnik benutzt werden kann, die zu applizierende Menge bekannt ist und dieses Verfahren kostengünstiger ist. Das teurere Online-Verfahren ist allerdings auch deutlich kleinräumiger, sodass je nach Verunkrautung und spezifischer Technik mehr Pflanzenschutzmittel eingespart werden können. Hier erkennen Kameras und Sensoren die Zielpflanzen während der Überfahrt in Echtzeit. Besonders in Zuckerrüben kann sich SpotSpraying aufgrund hoher Herbizidkosten bereits bei einer moderaten Mitteleinsparung wirtschaftlich lohnen.
Ansätze im Kartoffelanbau
Die Kartoffel hat mit knapp 125.000 ha (Jahr 2026) in Niedersachsen eine große Anbaubedeutung. Aus diesem Grund und einer notwendigen Intensität des Pflanzenschutzes in dieser Kultur, gilt dem Thema Pflanzenschutzmittelreduktion ein besonderes Augenmerk. Denn das Reduktionspotenzial ergibt sich aus der Anbaufläche und der Intensität des chemischen Pflanzenschutzes. Um Erträge und Qualitäten aufrechtzuerhalten und gleichzeitig nur so viel Pflanzenschutzmittel wie nötig anzuwenden ist hier eine scharfe Differenzierung nötig.
Ein reduzierter Herbizideinsatz lässt sich in der Kartoffel durch mechanische Unkrautregulierungsmaßnahmen wie mehrmaliges Anhäufeln, Striegeln oder Hacken meist gut umsetzen. Durch das Zulassungsende bestimmter Pflanzenschutzmittel und vermehrt trockene Bedingungen im Anwendungsfenster werden diese Alternativen zunehmend interessanter.
Bei den Fungiziden hingegen, die den größten Teil des chemischen Pflanzenschutzes in Kartoffel darstellen, sind die Reduktionsmöglichkeiten aufgrund des Risikos von Ertrags- und Qualitätsmängeln durch die Kraut- und Knollenfäule begrenzt. Dennoch können Prognosemodelle, wie SIMBLIGHT-1 (bereitgestellt über ISIP), einen effizienteren Fungizideinsatz möglich machen. Die Sortenwahl kann als Instrument nur eingeschränkt genutzt werden, da die Vermarktungsmöglichkeiten gerade im Speisesegment oftmals von größerer Bedeutung bei der Anbauplanung sind.
Dr. Finn Großmann,
Koordinator für die Pflanzenschutzmittel-Reduzierungsstrategie, Landwirtschaftskammer Niedersachsen