Bio-Kartoffelanbau
„Gute Kommunikation wird immer wichtiger“
Der Einstieg in die neue Kartoffelsaison verlief für die Erzeuger von Biokartoffeln erfreulich. Die Wachstumsbedingungen sind regional sehr unterschiedlich und teilweise herausfordernd. Die Anforderungen an Sorten, Qualität und ganzjährige Lieferfähigkeit steigen. Im Interview nimmt Josephine Hardt, Geschäftsführerin des Bio Kartoffel Erzeuger e.V, Stellung zur aktuellen Marktlage, den Ansprüchen des Handels und den Perspektiven für den Bio-Kartoffelanbau.
Frau Hardt, wie beurteilen Sie die aktuelle Situation auf dem Markt für Biokartoffeln?
Josephine Hardt: Der Frühkartoffelabverkauf lief sehr gut, die Mengen flossen schnell ab. Auch zuletzt konnte man mit den Abverkäufen zufrieden sein, auch wenn es wie in jedem Jahr während der Sommer- und Ferienzeit etwas ruhiger wird.
Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Bio-Kartoffelerzeuger derzeit?
Die größte anhaltende Herausforderung besteht für die Landwirte und Landwirtinnen darin, ihren Gesamtbetrieb gesund und erfolgreich in die Zukunft zu führen. Angesichts multipler Krisen, Witterungsextremen und anhaltendem Kostendruck ist das eine Dauerbelastung, die weit über die Bio-Kartoffeln hinausgeht.
In Bezug auf die Bio-Kartoffelsaison waren die regional sehr unterschiedlichen Wachstumsbedingungen herausfordernd. Vor allem aber die Extreme im Bereich Temperatur und fehlender Niederschläge prägten vielerorts die letzten Wochen. Ab jetzt kommt es nochmal darauf an, die Ware schonend zu roden, optimal ins Lager zu bekommen und über die Lagermonate hinweg zu begleiten. Unsere Landwirte und Landwirtinnen sind Kartoffelprofis mit viel Erfahrung und Know-How, sodass ich sicher bin, dass sie diesen Herausforderungen bestmöglich begegnen werden.
Welche Entwicklungen haben den Markt in den vergangenen zwei Jahren besonders geprägt?
Die vergangenen beiden Jahre waren von extremen Bedingungen in Anbau und Absatz geprägt. 2024 sorgten anhaltende Niederschläge und ein unter anderem hoher Phytophthora-Druck für bundesweite Mindererträge im Bio-Kartoffelsegment. Eine ganzjährige Belieferung des Handels mit heimischer Ware konnte nicht zugesichert werden. Das darauffolgende Anbaujahr 2025 war von vielerorts nahezu perfekten Wachstumsbedingungen geprägt, die Erträge lagen bundesweit bei unseren Mitgliedsbetrieben deutlich über dem mehrjährigen Durchschnitt, sodass, gepaart mit einer Ausdehnung der Anbaufläche, zu viel Menge verfügbar war. Beide Extreme sind sowohl für uns als Landwirte, als auch für die Akteure in Vermarktung und Handel auf vielen verschiedenen Ebenen sehr herausfordernd gewesen, viele Vermarktungspartnerschaften wurden auf eine harte Probe gestellt. Immer wieder wurde klar, dass sowohl Flexibilität, als auch gute Kommunikation immer wichtiger sind.
Welche Rolle spielen Biokartoffeln inzwischen im gesamten Kartoffelmarkt?
Rund 5 bis 6 % der bundesweiten Kartoffelfläche wird ökologisch produziert.
Hat sich das Sortenspektrum im Bio-Anbau in den vergangenen Jahren verändert?
Die Anforderungen an Sorten steigen in Anbetracht zunehmender Extreme. Zum einen wünschen wir uns eine gute Hitze- und Trockenstresstoleranz, andererseits müssen die Sorten mindestens eine gute Feldstabilität gegen Phytophthora mitbringen. Eine gute Lagerfähigkeit in Anbetracht der ganzjährigen Lieferung der heimischen Ware ist quasi schon ein Muss, hervorragende Schalenqualität kommt oben drauf und in vielen Regionen nimmt angesichts der Zikadensituation auch der Anspruch an eine frühe Ertragsbildung gepaart mit guter Lagereignung zu. Wir haben eine lange Wunschliste an Sorteneigenschaften und die Züchterhäuser haben gute Antworten auf unsere Bedürfnisse in der Landwirtschaft, doch die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht und das wissen wir auch. Sortenplanung erfolgt im Bio-Kartoffelanbau oft in enger Absprache mit der Fachberatung, jeder Standort findet geeignete Sorten.
Welche Qualitätsanforderungen stellen Handel und Verbraucher heute an Biokartoffeln?
Die Qualitätsansprüche sind ungebrochen hoch, im konventionellen Bereich und eben auch bei der Bio-Kartoffel.
Gerade die Bewertung der optischen Qualität in der Lagersaison ist unserer Meinung nach oft nicht produktgerecht und führt zu sehr hohen Abzügen, die am Ende auch den landwirtschaftlichen Betrieb viel Geld kosten. Unserer Meinung nach sollte es hier eine Neubewertung der optischen Ansprüche geben.
Über welche Vermarktungswege werden Biokartoffeln derzeit überwiegend abgesetzt?
Der Großteil der Bio-Kartoffeln fließt, anders als im konventionellen Markt, in den Speisebereich. Rund 70 bis 75 % der Anbaufläche entfallen auf den Konsumanbau. Wichtigster Absatzkanal ist hier mit rund 70 % der klassische LEH. Aber darüber hinaus wird häufig unterschätzt, dass noch ca. 20 bis 23 % der Bio-Speiseware über direktvermarktende Kanäle abfließt! Das sind wirklich erhebliche Mengen! Schwankend, aber in der langfristigen Tendenz tatsächlich sinkend sind die Anteile des Naturkostfachhandels.
Welche Anforderungen stellt der Lebensmitteleinzelhandel an Lieferfähigkeit, Mengenplanung und Dokumentation?
Unser aller Ziel ist es, möglichst rund ums Jahr heimische Bio-Kartoffeln im klassischen LEH zu vermarkten. Das stellt vor allem an die Lagerung der Ware hohe Anforderung in der Qualitätserhaltung. Die letzten Jahre haben aber auch immer wieder gezeigt, dass dieses Ziel erreichbar ist. Auch der Handel hat diese Zielstellung immer häufiger mitgetragen, was für die Höfe im Land eine entscheidende Entwicklung war! Rohwarensicherheit ist dabei natürlich rund ums Jahr das Stichwort und auch unsere Datenerhebungen zu Flächenentwicklungen und Erntemengen können hier einen Beitrag zu ersten Versorgungstendenzen der jeweiligen Saison beitragen.
Wie wichtig sind langfristige Lieferbeziehungen und Vertragsanbau?
Eine so kostenintensive Kultur sollte man unserer Meinung nach nur mit gesicherter Abnahme anbauen. Diese Lieferbeziehung kann schriftlich oder in den meisten Fällen auch mündlich fixiert werden. So haben beide Seiten Planungssicherheit. Da Kartoffeln auch eine gewisse Betriebsausstattung voraussetzen, ist es unabdingbar, auf Langfristigkeit und einen gesicherten Absatz zu setzen.
Wie entwickelt sich die Nachfrage der Verbraucher nach Biokartoffeln?
In der vergangenen Saison haben wir im Vorjahresvergleich wieder positive Absatzzahlen verzeichnen können. Die Einkaufsmengen privater Haushalte stiegen, unterstützt von regelmäßigen Werbeimpulsen. Nach jahrelangen Wachstumstendenzen im Bereich Bio-Kartoffelabsatz sehen wir aber, dass diese Dynamik an gewisse Grenzen kommt und die Herausforderung nun darin besteht, Anbau und Absatz gemeinsam weiterzuentwickeln.
Welche Rolle spielen Convenience-Produkte, vorgewaschene Kartoffeln oder küchenfertige Angebote?
Das Angebot konnte auch im Bio-Bereich in den letzten Jahren ausgeweitet werden, die Einkaufsmengen privater Haushalte an Bio-Kartoffelverarbeitungsprodukten im LEH stiegen an. Auch neue Trends, wie Airfryer-Kartoffeln oder vorgegarte Bio-Drillinge wurden zuletzt im LEH, vorrangig im Discount, in Bio-Qualität angeboten. Solche Sortimentserweiterungen nehmen wir natürlich mit Freude zur Kenntnis!
Josephine Hardt,
Geschäftsführerin des Bio Kartoffel Erzeuger e.V.